Von Beginn an begleiten und helfen uns Tiere im pädagogischen Alltag unserer Wohngruppe. Obwohl sie keinen fachlichen Abschluss im Umgang mit Kindern und Jugendlichen haben, gehören sie zum festen Teil des Teams. Denn selbst die beste Aus- oder Weiterbildung schafft es oft nicht, das nachhaltig zu vermitteln, was Tiere instinktiv in die Begegnung mit Kindern einbringen. Tiere sind unvoreingenommen, wertfrei, authentisch und knüpfen ihre Aufmerksamkeit nicht an Bedingungen.

Die vertraute Beziehung zwischen Kind und Tier hilft den Erzieher*innen oft, in schwierigen Situationen einen Zugang zum Schützling zu finden, denn Tiere bewegen Kinderherzen. So konnte etwa der neunjährige Rico* aufgrund seiner traumatischen Erfahrungen monatelang keine Berührung von Mitmenschen zulassen. Die einladenden Schmuseeinheiten unseres schwarzen Katers „Momo“ jedoch nahm er dankend an.

Unser Hund „Jakob“ freut sich jeden Tag schwanzwedelnd auf die Rückkehr der Kinder aus der Schule und überhäuft sie mit kalt-feuchten Nasenstupsern. Ihn interessiert nicht, dass zuvor die Schulleitung in der Wohngruppe anrief und das Benehmen eines Kindes tadelte. Dieses Kind wird von Jakob trotzdem, wie die anderen auch, herzlich begrüßt. Genau das, was der vermeintliche Schulrabauke braucht – jemanden, der Trost spendet und Halt gibt.

Es ist erwiesen, dass Kinder mit Bindungsstörungen einen geringen Oxytocinspiegel haben. Oxytocin – umgangssprachlich gerne als „sozialer Kleber“ bezeichnet – ist ein Hormon, das unser Körper bei Berührungen von Tieren produziert. Sobald Kinder mit Tieren kuscheln, wird der Botenstoff ausgeschüttet. Die Folge davon: Ihr Vertrauen in andere vergrößert sich, Angst, Stress und Aggressionen werden verringert, das Lernen und selbst das Regulieren von Emotionen fallen leichter. Aufgrund dieser neurochemischen Basis ist es den Kindern möglich, sich besser auf zwischenmenschliche Beziehungen einzulassen. Gemeinsame Gespräche und Aktivitäten rund um das Tier erleichtern diesen vertrauensaufbauenden Prozess.
Dies geschieht alles während des Kuschelns mit dem Tier und wird vom Kind nicht als Therapie wahrgenommen. Vor allem bei Kindern, welche „therapiemüde“ sind, ist das ein wertvoller Vorteil.

Aber auch im normalen Alltag möchten die Kinder die Tiere nicht mehr missen. Während die Hausaufgaben im Zimmer erledigt werden, liegt Kater Momo auf dem Bett und hört der ABC-Schützin beim Lesen aus der Fibel zu. Kleine Lesefehler sind unbedeutsam für ihn. Er schnurrt leise weiter.

Die Kinder lernen bei uns, dass auch Tiere Bedürfnisse haben und täglich Futter, Wasser und einen sauberen Stall mögen. Unsere Kinder kommen diesen Aufgaben mittlerweile sehr gewissenhaft nach. Falls ein Tier einmal unpässlich ist, sitzen die Kinder bei der dann nötigen Krankenpflege dabei und beobachten sehr genau unser Handeln.

Abends auf dem Bett liegen, den Blick durch das bodentiefe Fenster in den Garten schweifen lassen und dabei die drei Laufenten Nette, Kevin und Günter beobachten, wie sie mit drolligen Bewegungen die Insekten aus der Luft schnappen – das beruhigt und entschleunigt das aufgehitzte Gemüt des 13-jährigen Benny*. Vergessen ist die heftige Meinungsverschiedenheit mit einem gleichaltrigen Mitbewohner und schon kann er schmunzelnd und etwas sorgloser einschlafen.

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